Eine beinahe-Unfallsituation in verwertbare Daten umwandeln
Sie haben gerade einen plötzlichen Strömungsabriss, eine Turbulenz oder ein unerwartetes Abbremsen erlebt. Das Herz hämmert, der Adrenalinspiegel steigt. Der natürliche Reflex ist oft, die Gleitschirm still einzupacken oder das Ereignis herunterzuspielen. Das ist eine Falle. Eine beinahe-Unfallsituation liefert rohe Informationen, kein Urteil. Der erste Schritt zur Aufarbeitung ist das Festhalten in einem persönlichen Incident Report.
Ohne Filter, aber präzise notieren
Öffnen Sie Ihr Notizbuch oder den Telefon-Editor gleich nach der Landung. Fixieren Sie die nackten Fakten, nicht Ihre ersten Interpretationen. Welche Flugphase war es? Wie war der Schirm eingestellt? Zustand der Leinen, Karabiner und Befestigungen? Entspricht die tatsächliche Witterung am Flugplatz Ihrer Einschätzung vor dem Start? Je sachlicher Sie bleiben, desto nutzbarer ist die Auswertung für das nächste Training.
Den Ablauf analysieren, ohne nach Schuldigen zu suchen
Eine beinahe-Unfallsituation lässt sich als Kette von Ereignissen lesen. Nehmen Sie sich die Zeit, die einzelnen Glieder zu identifizieren:
- Wetter und Gelände: erwartete oder plötzlich eintretende Turbulenzen? Windveränderungen im Talgrund?
- Material und Vorbereitung: Schirm korrekt vorgelegt? Trimmkontrolle geprüft? Allgemeinzustand des Gurtzeugs und der Reserve?
- Können und Ermüdung: Schlaf, Flüssigkeitszufuhr, Fokussierung im Flug? Hat die mentale Belastung Ihre Reaktionsmargen geschmälert?
Bevor Sie wieder aussteigen, prüfen Sie Gurtzeug und Reserve auf ungewöhnliche Scheuerstellen. Jede beinahe-Unfallsituation hinterlässt Spuren am Material oder im Flugverhalten. Diese heute zu dokumentieren, verhindert spätere Überraschungen.
Diese Arbeit dient nicht der Selbstverurteilung, sondern dem Erkennen Ihrer eigenen Risikozonen. Der Praxisratgeber von RidAir/CEM bestätigt: Setzen Sie stets auf Sicherheitsmargen und holen Sie sich bei Unsicherheiten eine zweite Meinung ein.
In konkrete Lernfortschritte übersetzen
Ein persönlicher Incident Report soll nicht in der Schublade verschwinden. Er muss sich als konkrete Anpassung für den nächsten Flug niederschlagen. Flugverlangsamung? Abflug verweigern, wenn die Startlinie überlastet ist? Recovery-Drills am Boden trainieren statt im realen Flug? Das Ziel: Ohne Panik lernen und den Überlebensinstinkt durch kontrollierte Handgriffe ersetzen.
Vorsichtig, schrittweise und sachlich zu bleiben, ist keine Schwäche. Es ist der einzige Weg, die Freude am Fliegen zurückzugewinnen, ohne dass eine unangenehme Situation Ihre nächsten Starts diktiert.
Fly safe,
Cyrille MARCK und das RidAir/CEM-Team